Tesla auf Berg- und Talfahrt

„Noch sind wir nicht so weit, dass sich die Fahrer in ihrem Auto schlafen legen und erst am Ziel wieder aufwachen“, gibt Elon Musk, milliardenschwerer Chef des amerikanischen Elektroauto-Spezialisten Tesla, zu. „Wir haben aber jetzt das Fahren wesentlich bequemer gemacht und bieten eine Reihe von Sicherheitseinrichtungen an.“

Von Hans-Robert Richarz

Was auf Teslas Internetauftritt schon seit einem Jahr großspurig mit dem Titel „Autopilot“ angekündigt und jetzt nach und nach in kleinen Schritten Realität wird, definiert Musk – nicht zuletzt aus juristischen Gründen – so: „Es ist wie beim Fliegen. Auch wenn der Autopilot eingeschaltet ist, bleibt der Pilot dafür verantwortlich, was das Flugzeug macht.“ Mit anderen Worten: Die Hände bleiben am Steuer und der rechte Fuß in Bremsbereitschaft. Und das aus gutem Grund, denn das System ist offenbar nicht unfehlbar wie auf Youtube unter dem Titel „Tesla Auto Pilot tried to kill me“ zu sehen ist. Musk: „Bis zum vollkommen autonomen Auto dauert es noch fünf oder sechs Jahre.““Bleibt die Frage: Ist beim Model S nun jetzt schon alles neu oder sind die Verbesserungen nur alte Hüte?

Demnächst sollen Musks Spitzenmodelle S, die nicht älter als ein Jahr sind, mit Hilfe der via Internet aufgespielten Software 7.0 laut Ankündigung der Tesla-Strategen im kalifornischen Palo Alto bei San Francisco mit einem Autopiloten ausgerüstet werden. Dieser kombiniert eine Frontkamera, Radar und 360-Grad-Ultraschallsensoren mit Verkehrslage-Überwachung in Echtzeit, um das Model S im Überland- wie auch im dichten Stadtverkehr vollkommen automatisch fahren zu können. Spurwechsel reduzieren sich auf eine einfache Blinkerbetätigung. Und bei der Ankunft am Ziel soll der Tesla eine passende Lücke finden und sich selbst einparken. Die serienmäßigen Sicherheitsfunktionen halten nicht nur unermüdlich Wache, um Verkehrsschilder, Ampeln und Fußgänger zu erkennen, sondern reagieren auch auf ein unbeabsichtigtes Verlassen der Spur. Alle diese Extras soll auch das neue Crossover Model X erhalten. So weit das Marketing.

Davon ließen sich die Tester des angesehenen amerikanischen Verbrauchermagazins „Consumer Reports“ jedoch nicht beeindrucken. Zwar hatten sie dem Auto noch im August von 100 möglichen Punkten 103 (!) gegeben. Jetzt allerdings fällten sie in der gesonderten Bewertung „Zuverlässigkeit“ das vernichtende Urteil „Nicht empfehlenswert“. „Die Karosserie quietscht, die Bremsscheiben können sich verziehen und die Türgriffe taugen nichts“, hieß es. Darauf hin ging der Aktienkurs des Unternehmens wieder auf Talfahrt. Trotzdem bleibt die Begeisterung der Tesla-Kunden hoch. 97 Prozent aller 1400 von „Connsumer Reports“ befragten Besitzer des Models S meinten, sie würden sich wieder einen Tesla kaufen, was wohl nicht zuletzt daran liegt, dass Tesla umgehend reagiert, wenn ein Problem auftaucht.

Was die Sicherheitsaufwertung angeht, müssen sich deutsche Tesla-Besitzer vorerst mit der Software 6.2 begnügen. Die baut auf elektronischem Weg einen Notbrems- und den Spurwechselassistenten ins Fahrzeug ein. Nichts weniger, aber auch nichts mehr. Amerikanische Tesla-Kundinnen und Kunden sind da schon einen Schritt weiter: Sie erhalten das Softwarepaket, das zusätzlich das Steuern und Einparken übernehmen kann. Verkehrsadaptiver Tempomat, Spurhalteassistent mit automatischer Lenkung, Einparkautomatik sowie Scheinwerfer mit Fernlichtautomatik kosten einen Aufpreis von 2700 Euro, sollen diese Features in einem bereits vorhandene Model S aktiviert werden, sind 600 Euro mehr fällig.

Festzustellen bleibt: Weder Musk noch seine Ingenieure bei Tesla haben das Rad neu erfunden, auch wenn der Chef Mitte Oktober auf einer Pressekonferenz in den USA noch so tat. Denn was Tesla kann, können Audi, BMW und Mercedes-Benz schon lange. Teilautonomes Fahren ist zumindest bei den Premiummodellen dieser Marken heute schon möglich und wird bei jeder Präsentation eines Nachfolgemodells ein Stückchen weiter perfektioniert.

Nur zwei Dinge unterscheiden die Deutschen von den Amerikanern: Wenn man bei ihnen die Hände vom Lenkrad löst, mahnt nach ein paar Sekunden ein Warnton dazu, die Finger unbedingt wieder ins Spiel zu bringen. Einen solchen Alarm gibt es bei Tesla nicht. Statt dessen aber die Möglichkeit, dem Fahrzeug per Internet zu neuen Funktionen zu verhelfen. Das gibt es nur bei Tesla.

(ampnet/hrr) Foto: Auto-Medienportal.Net/Manfred Zimmermann

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