Glosse: Sternstunde

„Wenn Du den Mund gehalten hättest, hätte ich Dich immer noch für einen Experten gehalten“. An diese Philosophen-Weisheit aus ausgehendem Altertum konnte sich erinnert fühlen, wer gestern in der Sendung „Stern TV“ auf RTL dem Moderator Steffen Halaschka durch die Sendung folgte. „Hersteller tricksen bei Verbrauchsangaben“ lautete der Titel und folgte damit – assistiert vom Automobilclub Europa (ACE) – dem wohlfeilen Meinungsbild dieser Tage. Auch der Klub-Konkurrent ADAC hatte gerade mit Hilfe aus dem kämpferischen Anti-Auto-Umfeld in dieselbe Kerbe geschlagen. Nun also auch Stern TV und RTL.

Peter Schwerdtmann

Peter Schwerdtmann

Von Mehrverbräuchen um ein Drittel war die Rede, von Betrug, Trickserei und Lügen. Auch der pensionierte Journalist Helge Kondering hatte seinen Auftritt. Der hatte vor Gericht erreicht, dass sein Benziner wegen zu hohen Verbrauchs vom Händler zurückgenommen wurde. Dabei ging es um Werte, die etwas mehr als zehn Prozent über dem für sein Fahrzeug nach der europäischen NEFZ-Norm ermittelten Durchschnittswert lagen. Das Gericht hatte exakt zehn Prozent als Toleranz zugelassen. In der Berichterstattung wurde – wie auch gestern bei Halaschka – wieder übersehen, dass für die Ermittlung des Mehrverbrauchs derselbe Versuch auf dem Rollenprüfstand durchgeführt werden muss wie für die Ermittlung des Normverbrauchs. Es geht also nicht um den Mehrverbrauch im täglichen Einsatz, der viel höher liegen kann – eben um 30 Prozent oder mehr, je nach Streckenprofil und Fahrweise. Kondering fährt jetzt übrigens einen Diesel.

ACE-Pressesprecher Rainer Hillgärtner hatte für Stern TV einen entlarvenden Test organisiert: Im Laufe des Abends sollten zwei Fahrer des ACE mit einem Mercedes-Benz der A-Klasse und einem Audi A3 (beide Diesel) eine rund 200 Kilometer lange Strecke zurücklegen, die sowohl Stadtverkehr, als auch Landstraßen und Autobahnen einschloss. Die A-Klasse wird mit einem Durchschnittsverbrauch nach der EU-Norm von 4,84 Litern auf 100 Kilometer angegeben, der Audi A3 mit 3,9 Litern.

Als zwei Minuten vor Mitternacht die Messwerte der Versuchsfahrzeuge angezeigt wurden, platzte der so publikumswirksame redaktionelle Ansatz der Sendung wie eine Seifenblase: Der Mercedes-Benz hatte 4,2 Liter verbraucht, also 0,6 Liter weniger als die Norm, der Audi lag mit 4,3 Litern statt 3,9 Litern ebenfalls weit weg von dem so oft zitierten Drittel Mehrverbrauch. Das Gesicht von Steffen Halaschka sprach Bände. Auf diesen Fall hatte seine Redaktion ihn offenbar nicht vorbereitet – weil nicht sein kann, was nicht sein darf?

Nur schade, dass dieses Ergebnis kaum etwas am gern gepflegten Bild von der tricksenden, lügenden und betrügenden Automobilindustrie ändern wird. Um Mitternacht haben nicht mehr allzu viele Zuschauer das klägliche Ende dieser Sternstunde miterlebt. Steffen Halaschka und seine Redaktion werden das ebenso wie Rainer Hillgärtner als Trost für ihre Fehlleistung empfunden haben. Si tacuisses. (ampnet/Sm)

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